Buschtrommel: Der Mensch wächst nicht mehr!

Das Ende der Wirbelsäule – der Mensch wächst nicht mehr

Das Wachstum des Menschen kommt langsam zu einem Ende. Die Wirbelsäule ist die neue Fahnenstange. Waren die letzten beiden Jahrhunderte noch von einer stetigen Zunahme der physiologischen Leistung, der Lebensspanne und der Körpergröße gekennzeichnet, scheint der Mensch jetzt sein biologisches Optimum erreicht zu haben. Citius, Altius, Fortius war gestern.

Eine Arbeitsgruppe aus Paris analysierte Sportrekorde, Lebensalter und Körpergröße großer Bevölkerungspopulationen verschiedener Nationen sowie beider Geschlechter. Um es kurz zu machen: So richtig viel tut sich nicht mehr.

So erreichen Spitzensportler in den meisten metrischen/chronometrischen Sportarten kaum mehr Zuwächse, etwa seit dem Ende der 90er Jahre. Seit dieser Zeit ist der Trend zu einem Leistungsplateau unübersehbar. Starke Performance-Bursts heute sind eher eine Ausnahme und machen Doping-Agenturen ganz unruhig.

Unsere Körpergröße ereilt ein ähnliches Schicksal. Zwischen 1900 und 2000 haben wir im wahrsten Wortsinn Großes erreicht, nämlich satte 8.3 cm bei den Frauen und noch sattere 8.8 cm bei den Männern an Zunahme der durchschnittlichen Körpergröße. Jedoch schwächt sich auch dieser Trend mittlerweile ab und erreicht ein Plateau. Der Mensch der Industrienation wächst allenfalls noch am Bauch.

Schlussendlich nimmt auch die allgemeine Lebenserwartung nicht mehr signifikant zu. In den letzten 100 Jahren stieg sie in Europa und Nordamerika noch um beeindruckende 30 Jahre. Seit mehreren Jahren werden wir jedoch nicht mehr älter. Die Subpopulation amerikanischer Frauen aus dem Mittelstand ist die erste, bei der die Lebenserwartung aktuell sogar schon wieder sinkt. Das biologische Maximum liegt wahrscheinlich zwischen 115-120 Jahren, mit sehr seltenen Ausnahmen. Eigentlich genug Zeit, um das wichtigste zu erledigen. Trotzdem stimmen die Befunde nachdenklich: Woran liegt das und was heißt das für uns?

Die Gründe für die Stagnation sind zweifelsohne vielschichtig: Grundsätzlich verdankt die Spezies Mensch Leistung, Alter und erreichte Zentimeter nämlich einer Kombination aus individueller Genetik und soziologischen Faktoren, wie Wohlstand, Bildung, Medizin, Hygiene und Ernährung. Es wird vermutet, dass Menschen der wohlhabenden Länder, die am medizinischen, technologischen und wissenschaftlichen Fortschritt teilhaben durften, ihre evolutionsbiologisch verankerte Grenze erreicht haben. Noch mehr Fitness, glutenfreie Kost und das Einatmen veganer Luft macht uns also nicht älter, solange sich unser genetischer Code nicht ändert oder ändern lässt.

Die derzeit lebenden Menschen erleben zum ersten Mal in der Geschichte ihre eigenen biologischen Grenzen. Für Narzissten eine durchaus niederschmetternde Nachricht. Für alle anderen dagegen, die bereit sind ein wenig über sich hinaus zu denken, vielleicht aber auch ein dankbares Signal. Denn es scheint fast so, als weise die Natur die rekordverliebte Menschheit subtil mit dem biologischen Zeigefinger in eine neue Richtung. Vielleicht wird es in Zeiten, in denen wir ökologisch vernünftiger zusammenleben und begrenzte Ressourcen klüger als bisher werden aufteilen müssen, in Zukunft nicht mehr so sehr allein um „schneller, höher, stärker“ gehen, sondern vielmehr um „besonnener, nachhaltiger und stabiler“. Eine kluge lateinische Phrase dazu fällt mir dazu gerade nicht ein.

Es besteht also kein Grund zur Panik. Der Mensch wird weiterwachsen können. Nur eben in eine andere Richtung. Es wird darauf ankommen, ob wir bereit sind Wachstum neu zu definieren. Die Lebensqualität von Menschen zu erhöhen und im hohen Alter zu erhalten kann ebenso Wachstum sein wie es zu verlängern. Oder wie ein französischer Arzt einst sagte: „Es kommt nicht darauf an, dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben…“

 

Quelle:

Marck, A, et al Are we reaching the limits of homo sapiens? Frontiers in Physiology, Vol 8 (812), 2017