Buschtrommel: Generation Y? Gibt’s wahrscheinlich nicht…

Die sog. Generation Y (Geburtsjahrgänge zwischen 1980-1990) wird gemeinhin beschrieben als freizeitorientiert, mit Fokus auf Beziehung und Familie und immer bedacht auf die eigene Work-Life Balance. Geld ist nicht mehr wichtig. Dafür aber ein gutes Instagram-Profil. Und selbstverständlich muss der Job bedeutungsvoll sein. Hauptsache man kennt die Welt und hat sie intensiv bereist. Natürlich mit Rucksack. Alles andere schadet der Ökobilanz…

Puh. Ganz schön viel Menschenkenntnis. Aber stimmt denn das alles wirklich?
Und welche Schlussfolgerungen erfolgen hieraus für Unternehmer?

Müssen die hippen Bedürfnisse junger Menschen mit einer Kita in der gleichen Straße, einem Fitnessstudio um die Ecke und einem Gemeinschaftsraum mit Plüschsofa und Kicker zeitgemäß befriedigt werden, damit sie überhaupt noch in die Gänge kommen?

Mit Mitte 47 bin ich allenfalls noch restjugendlich. Aber mein Gedächtnis reicht für eine kleine Zeitreise:
Kaum einer meiner Urlaube bis Anfang 20, den ich nicht zwischen Zelt und Natur verbracht hätte.
Zu blöd, denn ich gehöre doch zur Generation Golf?! Genau den konnte ich mir aber nie leisten.
War auch egal, denn Geld war nie wichtig. Was man kaum kennt, vermisst man auch nicht.
Heute schlafe ich in langweiligen Hotels und schaue mir Kontoauszüge durch.
Der Mensch verändert sich mit den Jahren.

Die Theorie bekam aus wissenschaftlicher Sicht bereits früh ihre Risse.
Aber erst jetzt gibt es gute Datensätze, die uns handfeste Argumente liefern umzudenken:

Eine große Untersuchung der Uni Marburg aus dem letzten Jahr hat anhand einer halben Million Einzeldaten von >75.000 Menschen aus dem SOEP folgendes belegen können:
Die Einstellungen von Menschen ändern sich vor allem mit der Zeit, weniger dagegen mit der Generation!
Die meisten Befunde zur Generation Y zogen wir nämlich bislang aus dem direkten Vergleich jüngerer Generation Y und älterer Generation Golfer oder Baby-Boomer, (im Querschnitt und zu einem einzelnen Zeitpunkt).
Der Vergleicht ist insofern wenig statthaft, weil für eine valide Aussage über die Beweggründe von Menschen diese mit ihresgleichen aus einer anderen Genration im gleichen Alter (!) verglichen werden müssten.
Das ist wissenschaftlich nur schwerlich möglich.
Ein anderer Ansatz wäre, die Einstellungen der angeblichen Generation Y über die Zukunft hinweg, also prospektiv, zu verfolgen, um festzustellen, ob sie Schwankungen unterworfen sind, die durch das Alter erklärt werden.
Und genau das scheint nach der Auswertung der aktuellen Daten der Fall zu sein.

Die Diskussionen um das ganze Generationsblabla sind sind dennoch nach wie vor extrem beliebt.
Eine ganze Armada an Trainern und Autoren lebt schließlich vom Befeuern dieser Theorie, gleichzeitig mit dem missionarischen Appell für Unternehmer, diese Generation doch bitte endlich besser zu verstehen. Geeignete kostenpflichtige Seminare gibt’s praktischerweise auch. In der Tat vergeht kaum ein Zukunftskongress, auf dem nicht ein hipper Youngster den älteren Zuhörern mal richtig steckt, was die junge Generation doch so dringend braucht. In Anzug und Turnschuhen selbstredend. Die Generation Y macht das halt so. Generationendebatten sind heute längst Big Business. Kritisches Hinterfragen ist da irgendwie blöd.

Unbestritten ist der allgemeine Fachkräftemangel, der heute besondere Herausforderungen an Arbeitgeber stellt, Mitarbeiter für das Unternehmen zu finden und langfristig zu halten.
Und selbstverständlich braucht es den intensiven Dialog zwischen älteren und jüngeren Menschen in einem Unternehmen, um sich besser zu verstehen und voneinander zu lernen.
Aber vielleicht sollten wir einander in einer komplexer werdenden Welt weniger mit Stereotypen begegnen, sondern wieder genauer hinschauen, welche Bedürfnisse unser Gegenüber hat, ohne auf einen allgemeinen Zeitgeist zu schielen.

Moderne Führung verlangt also etwas mehr als holzschnittartige Kenntnisse der „heutigen Jugend“, sondern das individuelle Bemühen um den Einzelnen.
Das ist natürlich anstrengender und lässt sich weniger gut in Ratgeber mit schablonenhaften Kochrezepten zur Mitarbeitermotivation pressen.
Die Wahrheit ist manchmal unbequem.

Menschen sind verschieden, die Natur sorgt immer für Vielfalt.
Es wird also auch zukünftig Mitarbeiter geben, die ihre Arbeit nur als „Job“ sehen, einzig und allein um genügend Geld für ihr geliebtes Hobby zu verdienen.
Genauso wird es auch weiterhin Mitarbeiter geben, die für ihre Karriere fast alles tun würden, auch wenn es sich heute nicht mehr schicken mag, dies zuzugeben.
Diese Verschiedenheit von Menschen und ihrer Bedürfnisse existiert in jeder Generation. Damals wie heute. Und vermutlich auch in jeder Zukunft, die kommen wird.
Verschiedenheit ist keine Bedrohung. Es muss vielmehr so sein. Denn nur so erhält sich eine Gesellschaft ihre Buntheit.

Wenn man Generationen schon unbedingt Namensstempel verpassen will, wie wäre es denn mit „Generation Ladekabel“?
Nichts hat doch diese Generation so sehr geprägt wie das ständig notwendige Aufladen irgendwelcher digitaler Geräte.
Das „Y“ sieht sogar fast wie ein Kabel aus.
Ein Icon hätten wir also schon mal!

Ich komme zum Ende, denn der freundliche Zugführer bringt mir gerade meinen Tee.
Mein studentischer Sitznachbar trinkt Mezzo-Mix.
Ein Generationenkonflikt?
Nein, ist wohl einfach ein anderes Alter. Wir prosten uns mit einem Lächeln zu…

Volker Busch