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Buschtrommel: Keine Angst vor ein bisschen Hirnschwund

Hirnschwund trifft uns alle

Bitte erschrecken Sie nicht: Während Sie diesen Text lesen, wird Ihr Gehirn kleiner!

Insbesondere der Hippocampus, ein Teil Ihres Gedächtnis- und Orientierungssystems, verliert etwa ab dem 30. Lebensjahr ca. 1000 Zellen pro Tag. Ich hoffe meine folgende Rechnung demotiviert Sie nicht: Wenn Sie für das Lesen dieser Buschtrommel mit anschließendem Kommentar in etwa 10 Minuten brauchen, verlieren Sie also etwa 7 Zellen!

Falls Sie jetzt fürchten, meine Gedanken könnten somit in entscheidender Weise zu Ihrem Hirnschwund beitragen, machen Sie sich bitte keine Sorgen: Klinisch relevant ist das nicht, sondern ganz natürlich. Vor wenigen Wochen hat dies eine radiologische Arbeitsgruppe der Universität Umea in Schweden bestätigen können [1]. Die Forscher untersuchten anhand verschiedener Biodatenbanken die Gehirne von 2.000 Probanden zwischen 29 und 91 Jahren in einem prospektiven Design über ca. 11 Jahre. Das Ergebnis: Pro Jahr betrug der durchschnittliche Volumenverlust der untersuchten Hippocampi 50 Kubikmillimeter (etwa 1% seiner jeweiligen Masse). Zwar wiesen Menschen mit hohem Bildungsgrad insgesamt (im Querschnitt) etwas größere Volumina in verschiedenen Hirnarealen auf; die Degeneration im Alter fand jedoch bei Menschen sämtlicher Bildungsschichten in gleicher Weise statt. Hemdsärmelig ausgedrückt: Ihr Gehirn wird im Alter in jedem Fall kleiner, egal wie gut Sie in Latein waren.

Bilden Sie sich fort

Die unausweichliche Schrumpfung sollte Sie aber nicht dazu bewegen, mit dem Lesen aufzuhören. Geistig bequeme Alternativen wie Fernsehen verringern den Nervenzellverlust nämlich nicht. Lesen als Form konzentrierten Denkens stimuliert Ihr Gehirn dagegen in besonderer Weise. Zwar wurde bislang nicht explizit untersucht, ob der häufige Konsum von Super RTL Ihre Hirnmasse schneller eindampft als die Werke von Dostojewski, aber Fakt ist, dass eine gute Bildung und lebenslanges Lernen einen Teil des kognitiven Verlusts im Rahmen der natürlichen Hirnalterung ausgleichen kann. Denn ein hohes Bildungsniveau baut eine sog. kognitive Reserve auf [2], die die strukturellen Defizite eines alternden Gehirns über Jahre gegenkompensieren kann!

Die Schrumpfungsprozesse mögen also bei gesunden Menschen in vergleichbarer Weise stattfinden, aber bei denen, die sich im Alltag geistig immer wieder neu herausfordern, wirken sie sich erst später aus. Die allseits bekannte Weisheit unter Wanderern gilt somit auch für die Kognition: Je höher der erklommene Berg, desto länger der Abstieg ins Tal.

Haben Sie also keine Angst vor einer gewissen Hirnschrumpfung. Alte Nervenzellen funktionieren in vielerlei Hinsicht ebenso gut. Sie heißen schließlich nicht umsonst „graue“ Zellen, und das schon in Jugendjahren. Aber wichtig ist: Fordern Sie sie immer wieder neu heraus. Und hören Sie nicht auf zu lernen! Bildung ist ein natürliches (und nebenwirkungsfreies) Hirndoping – und vielleicht das schönste Geschenk, das Sie Ihrem Gehirn machen können.

 

Literatur:

  1. Nyberg, L., et al., Educational attainment does not influence brain aging. Proceedings of the National Academy of Sciences, 2021. 118(18): p. e2101644118.
  2. Barulli, D. and Y. Stern, Efficiency, capacity, compensation, maintenance, plasticity: emerging concepts in cognitive reserve. Trends Cogn Sci, 2013. 17(10): p. 502-9.

 

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