Buschtrommel: Moderne Mythen auf dem Prüfstand – Was ist dran an Digital Detox?

Zu Beginn des Jahres neigen viele Menschen zur Selbstreflexion Sie fragen sich: Was will ich künftig anders oder gar besser machen? In den Top Ten der genannten Wünsche zu einem pfleglicheren Umgang mit sich selbst steht neben einer besseren Ernährung und mehr Bewegung seit Jahren zunehmend auch der bewusstere Umgang mit digitalem Konsum.
 
Bei aller Begeisterung für die digitale Technik um uns herum gilt dabei zunächst einmal: Offline hat seine Bedeutung, denn weniger Bildschirmzeit hilft unserem Gehirn, Informationen, die wir zuvor aufgenommen haben, besser zu verarbeiten und zu verknüpfen. Dadurch gelangen wir meist zu mehr Klarheit und zu mehr Inspiration. In Ruhe ordnet unser Gehirn Gedanken und verfestigt das zuvor Gelernte. Eindrücke setzen sich und werden mit vorhandenem Wissen verknüpft. Selbst Emotionen werden besser reguliert, denn gelegentliche Stille schenkt uns einen besseren Zugang zu unseren Gefühlen. Das alles ist wichtig, um Kraft zu tanken, Lösungen für Probleme zu finden oder Krisen zu bewältigen. Das gelingt in analoger Ruhe in aller Regel besser als im digitalen Dauerfeuer zwischen PC, Smartphone und Fernseher.
 
Doch wie sieht er aus, der Ausweg aus der digitalen Reizüberflutung, Informationsüberladung und gedanklichen Verstopfung des modernen Alltags? Ich bin mehrfach von verschiedenen Zeitschriften und Radiosendern in den letzten Wochen gebeten worden hierzu Stellung zu nehmen. Die trendgewordene Zauberformel lautet „Digital Detox“. Die Idee dahinter: Wer mehrere Wochen auf Tablet und Smartphone verzichtet, reinigt sich auf diese Weise von innen. Das Narrativ klingt hygienisch und medizinisch zugleich – dann kann es ja kaum falsch sein. Oder?
 
Entgiftungswünsche haben beim Menschen eine lange Tradition. Der Blick in die Medizinhistorie zeigt: Großreinigungen galten immer schon als ein probates Mittel, seine körpereigenen „Schlacken“ loszuwerden. Alles ließ sich mit der richtigen Methode von innen heraus säubern, sogar das Gehirn. Ob mit Aderlass, Schwitzkuren, Schröpfen oder anderen Ausleitungen, um nur einige Verfahren der westlichen Medizin zu nennen – von ayurvedischen Maßnahmen ganz zu schweigen.
Leider hat die Wissenschaft der vergangenen Jahre gezeigt: Keine der propagierten, meist auf esoterischen Annahmen beruhenden Entgiftungsmaßnahmen hat sich als medizinisch wirksam erwiesen. Das hat ihrer Beliebtheit allerdings keinen Abbruch getan, ein riesiges Angebot an Möglichkeiten überschwemmt auch heute noch den Markt.
Clevere Marketingstrategen haben vor wenigen Jahren nun auch noch das digitale Fasten für die reizüberflutete Gesellschaft entdeckt: Digital Detox soll smartphonegestressten Menschen helfen, in Form mehrwöchiger Enthaltsamkeit so richtig schön zu entschlacken. Unzählige Ratgeber und VHS-Kurse werden zu dem Thema angeboten und selbst Detox-Reisen in die Natur können Sie buchen, um sich analog mal ordentlich von innen zu säubern.
 
Die Wahrheit schmeckt bitter (übrigens ähnlich wie ein Entschlackungstee): Digital Detox ist Unsinn! Handys und andere digitale Medien hinterlassen keine Rückstände in Kopf und Körper, die man entgiften könnte, weder die elektromagnetische Strahlung noch die dargestellten Inhalte. Das Einzige, was Sie durch einen mehrwöchigen Verzicht auf das Handy reinigen, ist Ihr Gewissen.
 
Die Ablehnung von Digital Detox geht jedoch noch weit über diesen Aspekt hinaus. Denn eine zusammenhängende mehrwöchige digitale Stille bringt nichts für den Rest des Jahres. Erst recht nicht, wenn man spätestens nach der Zeit der Enthaltsamkeit wieder mit gewohntem Fleiß auf seinen Bildschirm starrt (aktuell je nach Alter circa drei bis vier Stunden pro Tag).
Um den alltäglichen digitalen Stress besser zu bewältigen, braucht unser Gehirn vor allem alltägliche Ruhemomente. Für eine gehirngerechte Entspannung gilt dabei: Kürzer und häufiger ist besser als länger und seltener. Der Sinn von Sport besteht ja auch nicht darin, eine Woche im Jahr besonders intensiv zu trainieren, und dafür die restlichen 51 Wochen auf der Couch zu sitzen. Den größten Effekt einer Maßnahme bringt immer deren Regelmäßigkeit. Erst eine feste Integration stetig wiederkehrender digitaler Ruhephasen, und zwar am besten täglich, verteilt über jede Woche eines Jahres, bedingt den Erfolg einer gehirngerechten Arbeits- und Erholungsweise.
 
Tip 1: Halten Sie diszipliniert Ihre Mittagspausen ein, das tun derzeit in Deutschland gerade einmal rund 25 Prozent der Erwerbstätigen. Gehen Sie in der Pause spazieren, blicken Sie in die Ferne statt auf einen Bildschirm. Lassen Sie Ihre Gedanken schweifen und erlauben Sie ihnen freien Lauf. Beim sog. Tagträumen räumt Ihr Gehirn nachweislich am besten auf. Falls Ihnen dabei langweilig wird, halten Sie dem Impuls Stand digitale Medien zu konsumieren. Nur so entfalten sich Freiräume, die Ihr Gehirn nutzt, um Informationen zu verarbeiten und damit kreativ zu spielen.
 
Tip 2: Gestalten Sie auch Ihren Feierabend ab und an analog. Nichts gegen den Bachelor oder das Dschungelcamp, oder den Ex-Bachelor ein Jahr später im Dschungelcamp. Aber wer ganztags am Schreibtisch vor seinem PC sitzt, profitiert abends von Hobbys, die körperorientiert und bewegt sind. Die Kraft der Regeneration ist dann höher als viel Zeit vor dem Fernseher.
 
Tip 3: Bewahren Sie sich mindestens einen Tag in der Woche, an dem Sie offline bleiben – zumindest keine Mails lesen, Kalendereinträge prüfen oder Termine vereinbaren. Wie wäre es zum Beispiel mit einem digitalfreien Sonntag? Füllen Sie das Vakuum an gewonnener Zeit mit motorischen, kreativen oder sozialen Tätigkeiten. Beobachten Sie, was aus dieser Zeit erwächst. Den größten Effekt auf Verhaltensänderung hat immer die eigene positive Erfahrung. Reflektieren Sie den Tag und erinnern Sie sich, was Sie alles erlebt haben, wenn die Bildschirme um Sie herum ausgeschaltet blieben.
 
Fazit für Ihr Gehirn und Sie: Eine analoge Freizeitgestaltung ist der Gegenpol zu unserer digitalen Arbeitswelt. Es ist das Yang zum Yin. Mit Entgiften hat das nichts zu tun, sondern mit der klugen Erkenntnis, was Geist und Gehirn in der heutigen Welt brauchen, um langfristig gesund und leistungsfähig zu bleiben. Oder um es in ein paar schicken Buzzwords zu formulieren, nach denen zur Zeit alle Medien so süchtig sind: Pflegen Sie tägliches Digital Wellbeing statt Digital Detox einmal im Jahr…
 
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(Der Text ist eine leicht geänderte Vision eines Beitrages von mir bei XING-Klartext zu Beginn des Jahres)