China – Schattierungen in Grau

Manchmal wünschte ich mir, ich wäre noch in der Pubertät. Klar, die Akne war blöd. Aber der Rest der Welt erschien so herrlich einfach. Zu allem hatte ich eine eindeutige Meinung: Karl der Käfer war mein Freund, Bäume fällen war böse. Und jeder, der beruflich etwas mit Chemie zu tun hatte, kam im Grunde genommen direkt aus der Hölle. Ein ähnliches Schwarz-Weiß-Denken konnte ich mir in meiner jugendlichen Naivität damals eigentlich zu sämtlichen Themen des Zeitgeschehens leisten, einschließlich Tierversuche, Schwangerschaftsabbrüche oder Industrieschornsteine.

Mit der Zeit entwickelt sich jedoch im Allgemeinen das Gehirn und damit auch der Verstand. Es entstanden diese hässlichen Perspektiven, die die Wirklichkeit so kompliziert machten. Die Dinge wurden plötzlich eine Sache der „Sichtweise“. Es gab jetzt neben Schwarz und Weiß auf einmal auch ein helles und ein dunkles Grau. Wie unbequem. Ganz ehrlich, manchmal zweifele ich an mir, ob ich die Entwicklung zu einem geistig reifen Menschen bereits gänzlich vollzogen habe, der das differenzieren kann, denn ich ertappe ich mich täglich dabei, wie ich Dinge vereinfache, Vorurteile nutze und Klischees bediene. Mein Hirn liebt nach wie vor die Welt so schön einfach.

Man kann in Schwarz-Weiß-Welten impulsiv auf die Regierung schimpfen, dass das Tagesgeschäft nicht schneller läuft. Die bösen Politiker verschlafen alles und opfern unser Land. Solche Parolen sind gut für den Stammtisch, aber der Komplexität der Realität wird man damit kaum gerecht. Denn die Wahrheit ist, daß bislang noch keine Koalition mehr kluge Gesetze auf den Weg gebracht hat, wie die jetzige. Noch nie war Politik so aktiv und aufgeweckt. Aber die Sucht nach immer (noch) höherer Geschwindigkeit scheint jeden Anspruch auf ein sinnvolles und besonnenes politisches Gestalten zu erodieren. Sorry Greta. Dabei sind die Kosten für hohe Geschwindigkeiten immens hoch, höher als einem zunächst bewusst sein mag.

Ich musste selbst leider erst erneut ins Reich der Mitte reisen, damit mir das klar wurde. In Shanghai entstehen riesige Hochhäuser deswegen in weniger als 6 Monaten, weil der gemeine Arbeiter 50-60 Stunden pro Woche arbeitet mit maximal 11 Tagen Urlaub im Jahr. Im Krankheitsfall erfolgt keine medizinische Betreuung mit Reha und Wiedereingliederung, sondern die sofortige Ersetzung durch einen anderen. Pech hat, wer da nicht mitkommt. Sicherheit auf den Straßen wird durch eine extreme Überwachung erreicht, mit Kameras an jeder Ecke, selbst in den entlegensten Winkeln kleiner Gassen. Und die immer schickeren Einkaufsmalls für die Touristen werden deswegen möglich, weil tausende von Menschen einfach ihrer Grundstücke enteignet und 30km vor die Tore der Stadt ausquartiert werden. Ja, so kann Wachstum natürlich laufen. Und dann geht alles auch wunderbar schnell. Aber der Preis erscheint mir grauenvoll hoch.

Man mag einwenden, ach, alles nicht so schlimm, der Chinese ist doch ein zufriedener Mensch. Aber ehrlich gesagt bin ich mir da nicht so sicher. Es erscheint mir eher etwas wohlfeil. Es mag ja stimmen, daß sich der Chinese nicht so schnell beschwert. Und zweifelsohne habe ich ausnahmslos liebevolle und freundliche Menschen dort kennen lernen dürfen. Aber das ist dennoch nicht das gleiche. Vielmehr stimmt: der Einzelne hat dort keine Bedeutung!

Da sind sie plötzlich wieder, diese hässlichen Perspektiven: Ja, wir müssen den digitalen Wandel konsequent(er) gestalten. Ja, wir müssen viel mehr Geld als bisher in die Hand nehmen, um sie in Bildung und Forschung zu investieren. Ja, wir müssen politisch deutlich mutiger werden, um wichtige Dinge voran zu treiben. Aber die eigentliche Frage wird dabei vor allem sein, in welche Gesellschaft wir dabei leben wollen? In der Gesellschaft meiner Wahl hat nämlich auch die Langsamkeit ihren Platz. Nicht im Sinne eines Zauderns oder Haderns, sondern im Sinne einer Besonnenheit. Nach nur 5 Tagen Aufenthalt in China wird mehr als jemals zuvor klar, daß die subjektiv oft erlebte Veränderungszähigkeit in unserem Land auch Ausdruck dessen ist es vielen Menschen recht zu machen und möglichst wenige zurück zu lassen.

Vielleicht werden wir also ein gemächlicheres Tempo akzeptieren müssen, als wir es derzeit in Fernostasien beobachten, wenn wir beim Fortschritt auch weiterhin die Rechte und Freiheiten des Einzelnen so gut es irgend geht integrieren wollen. Vielleicht sollten wir das daran ab und an erinnern, bevor wir die Chinesen feiern oder gar beneiden für ihren schnellen Fortschritt. Oder wollen wir Verhältnisse wie dort?

Wer sich nicht sicher ist, fährt vielleicht einfach mal hin und schaut sich die Arbeitersiedlungen dort an. Ich für meinen Teil kam jedenfalls mit Demut und einer riesigen Portion demokratischen Verständnis für die „langsame“ Politik in unserem schönen Land zurück.

Die Wahrheit – meist entsteht sie eben doch erst aus mehreren Perspektiven. Und selbst wenn es etwas unbequem ist, ein paar Grautöne tun meinem Schwarz-Weiß-Denken irgendwie ganz gut.

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