Die (bunte) Maske des Bösen – Warum der Joker mich so erschreckt

Die (bunte) Maske des Bösen

Psychiatrie ist die schonungslose Konfrontation mit Geschichten von Menschen, mal traurig, mal inspirierend, aber immer echt und authentisch.

Wer meine Vorlesungen oder Keynotes kennt, weiß, daß ich aus genau diesem Grund gerne Ausschnitte interessanter Hollywoodfilme in meine Talks einbaue.

Denn einerseits muss ich bei realen Ereignissen echter Patienten datenschutztechnisch äußerst vorsichtig sein, andererseits schenkt uns das Kino immer wieder immens spannend erzählte Geschichten, die sich oft ganz wunderbar eignen, Menschen und die psychologischen Hintergründe Ihres Erlebens und Verhaltens ergreifend zu erklären. Das Leben kann ein Film sein.

So habe ich mit meinen Studenten schon mehrfach einzelne Episoden aus „Raumschiff Enterprise“ aus psychiatrische Sicht analysiert (der Hörsaal war endlich mal voll), oder habe die wundervoll neurotisch überzeichneten Figuren aus den „Peanuts“ mit meinen Zuhörern interpretiert.

Das machen Psychiater so, wenn Sie gleichzeitig leidenschaftliche Kinofans sind. Wer möchte, kann gerne jederzeit in der Vorlesung vorbeischauen…

In diesem Zusammenhang möchte ich heute auf den „Joker“ aufmerksam machen, der mich allerdings ganz anders als die anderen bunt-quietschigen Vorgänger aus dem Batman-Universum etwas verstört aus dem Kino entließ, in einer Mischung aus Faszination, Abscheu und der erschreckender Erkenntnis, daß er eine ganz aktuelle Geschichte erzählt:

Der frühkindlich traumatisierte und vom Leben so ziemlich in allen Bereichen im Stich gelassene Einzelgänger Arthur Fleck (brillant gespielt von Joaquin Phoenix) vollzieht die irritierende und zu tiefst erschreckende Entwicklung zu einem wahrhaftigen Monster.

Die Psychologie hinter dieser Entwicklung: Die Darstellung des Clowns wird für Arthur zu einer inneren Passung, sie entspricht dem bizarren Selbstbild einer permanenten, schmerzvollen inneren Zerrissenheit. Am Anfang spielt er den Clown. Am Ende wird er zu ihm. Arthur kann irgendwann nur noch in paradoxen Widersprüchen existieren. Von ambivalenten Emotionen hin und hergerissen, findet er schließlich nur noch zwischen fratzenhaften Posen, pathologischem Lachen und eiskalter Grausamkeit zu sich selbst. Der Joker ist geboren.

Was mir die Lust auf mein Popcorn an dem Abend nahm, ist nicht die Geschichte einer pathologischen Persönlichkeitsveränderung nach Extrembelastungen oder Traumata. Das ist -leider- psychiatrischer Alltag.

Was mich viel nachdenklicher stimmte, ist die Aktualität des Films. Die Geschichte erinnert mich an viele Menschen, deren aufgestaute Wut sich heute so impulsiv nach außen kehrt und mitunter in schreckliche Aggression umschlägt:

Zutiefst diskriminierende verbale Aggressionen im Internet, politische Sympathien für radikale Ideen oder die völlige Selbstaufgabe in terroristischen Organisationen, nur noch mit dem Ziel, andere Menschen zu schädigen oder zu töten.

Viel zu häufig ist dies das Ergebnis einer Transformation von Menschen, die einen Ausweg suchen aus ihrem subjektiv als sinnlos und traurig empfundenen Leben. Sie suchen Aufmerksamkeit in der Aggression, möglichst krass, möglichst bizarr.

Vielleicht ohne maskenhafte Fratze, aber doch in einer ähnlichen inneren Zerrissenheit, irgendwo zwischen Wut, Angst und Verzweiflung.

Der “Joker“ bleibt Karikatur, Comic, und letztlich Übertreibung.

Die Parallele zwischen Gotham City und einer Welt, in der sich immer mehr abgehängte Menschen legitimiert fühlen unser demokratisches System zu zerstören und andere mit in den Abgrund zu reißen, bleibt dabei erschreckend real.

Nach zwei Stunden fällt der Vorhang.

Der Film ist aus.

Die Geschichte geht dagegen weiter…