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Die Krise und wir – Folgen der Kollision zwischen gefährlicher Verharmlosung und echten Heldengeschichten

Krisen bedeuten Umkehr, nicht Untergang: Rein sprachlich betrachtet sind Krisen zunächst neutrale Umkehrpunkte. Bezogen auf reale Situationen meint Krise also eine Phase des Lebens, in der die Dinge nicht mehr auf die gleiche Weise wie bisher fortgesetzt werden können, wir uns für eine neuen Wegrichtung entscheiden müssen.
Das bedeute natürlich Stress. Denn neues Terrain zu betreten heißt, gewohnte Wege verlassen zu müssen: Auf dem neuen Weg lauern finanzielle oder gesundheitliche Sorgen, anstrengende neue Aufgaben und Abläufe, und die Informationen sind unklar. Die Essenz aller dieser ganz typischen Belastungsfaktoren in Krisen ist das Zerbrechen von Gewissheiten. Das macht sie so schwer zu ertragen. Wohin wird der neue Weg führen?

Das Glück kehrt wieder zurück

Krisen gehorchen einem Verlauf, ähnlich wie unser Immunsystem mit den meisten Infektionen fertig wird. Das Leben ist zyklisch, fast alles kehrt immer zu seinem Ausgangszustand zurück.
Auch wenn eine vollständige Erholung von einem Schicksalsschlag nie garantiert werden kann, stimmen die wissenschaftlichen Beobachtungen von Betroffenen zuversichtlich. Denn sie zeigen, dass Menschen mehrheitlich mit Stress und Kummer fertig werden.

Das gilt übrigens insbesondere für Akutereignisse, wie plötzliche und unerwartete partnerschaftliche Trennungen, Arbeitsplatzverluste, Unfälle, finanzielle Verluste an der Börse oder Naturkatastrophen. Hier gelingt eine Erholung meist schneller als gedacht. Auch die Lebenszufriedenheit nach einer Trennung steigt oft rascher wieder an, als man denkt. Diese beruhigende Statistik soll dem trennungsgeneigten Leser jetzt bitte keinen Anlass geben, seine Idee eines Partnerwechsels sofort in die Tat umzusetzen. Trennungen sind immer schwer, erst recht, wenn einem etwas ganz besonders an der Beziehung oder dem Partner liegt. Aber die Sorge, nach der Trennung möglicherweise nie wieder so glücklich zu werden wie früher, bewahrheitet sich in aller Regel eben nicht.
Denn Menschen erholen sich. Und zwar von fast allem. Und das meist sogar schneller als erwartet.

Vorsicht vor Wachstumsversprechungen

Heutzutage lassen sich immer wieder Schlagzeilen in den Zeitungen finden, die sich auf eine beharrliche Art und Weise in die Köpfe von Menschen drängen: Das Versprechen durch Krisen und andere Schicksalsschläge als Person zu reifen und zu wachsen. Solche Wachstumsprognosen nach Schicksalsschlägen lassen sich leicht formulieren und werden in der Regel auch gerne gehört. Sie klingen schließlich gut und beruhigen irgendwie. Toll, wenn die ganzen Strapazen auch zu was gut sind. Mehr als die Hälfte der Personen in Straßenumfragen sind überzeugt davon, dass sie durch Krisen stärker werden.

Wissenschaftlich ist das Ganze jedoch nicht ganz so einfach. Die Persönlichkeitsreifung in Richtung einer stärkeren oder klügeren Lebensweise gibt es tatsächlich. Aber nicht zum Nulltarif. Und ohne Garantie. Stärker zu werden ist nämlich von einer Vielzahl an Faktoren abhängig, die wir tatsächlich nur zum Teil und mitunter sogar gar nicht beeinflussen können. Hier stehen viele Dunkelziffern in der Gleichung und dürfen nicht davon ablenken, dass Krisen auch sehr viel unbeeinflussbares Leid mit sich bringen.
Wiederholte partnerschaftliche Enttäuschungen machen eben nicht immer automatisch stärker, sie machen faktisch oft einsamer. Meine Ambulanz ist voll von Menschen, die nach immer wieder erlebter Enttäuschung irgendwann den Mut verlieren und nicht mehr mögen. Sie ziehen sich zurück. Denn was man bei wiederholten Verletzungen „trainiert“, ist nicht mentale Stärke, sondern eben auch Skepsis, Misstrauen und das Gefühl nicht wertvoll genug zu sein für seine Mitmenschen.

Aus dem gleichen Grund erscheint es mir zynisch, Menschen gegenüber, die Opfer von Gewalt werden oder durch Naturkatastrophen alles in ihrem Leben verlieren, von einer Chance zu sprechen, die sich ihnen durch die Krise bieten könnte. Die Erfahrung zeigt, dass Betroffene oft seelische Narben davontragen. Pustekuchen „Wachstum durch Krisen“.
Etwas Demut scheint angebracht. Krisen sind und bleiben extrem belastend, auch wenn sie zum Leben dazu gehören. Wir verharmlosen Krisen, wenn wir sie als Motor einer verheißungsvollen Lebensverbesserung oder gar als Möglichkeit einer Selbstoptimierung betrachten. Eine Krise ist kein Trainingsfeld. Und Krisenbewältigung ist auch keine Technik, die man in einem Kurs erlernen kann.

Der Appell, nur die richtige Einstellung finden zu müssen, stößt nicht nur vielen tausenden Menschen vor den Kopf, denen eine Krise auch langfristig die Beine wegzieht, trotz aller Bemühungen über sie hinweg zu kommen.
Die „Krise als Chance“ auf eine Phrase herunter zu stilisieren erzeugt darüber einen enorm hohen Druck, denn sie insinuiert: Wer richtig will, der schafft es auch. Selbst schuld, wer da zurückbleibt. Für einen Arzt mit einer humanistischen Ausbildung ein (unangenehmer) Gänsehautmoment.
Ob wir aus einer Krise psychisch gesund hervorgehen oder eventuell. sogar stärker werden, liegt nicht gänzlich in unserer Hand. Es wird immer Menschen geben, die unsere Unterstützung brauchen, denen wir liebevoll zur Seite stehen müssen, trotzdem es Ihnen nicht am richtigen Mindset fehlt.

Schreiben Sie Ihre Geschichte

Sowohl die wissenschaftliche Erforschung als auch die therapeutische Erfahrung zeigen: Um Lebenskrisen zu bewältigen, müssen sie erzählbar sein. Ähnlich wie in einem Märchen. In der Regel folgen alle diese Geschichten einem Muster, das uns hilft, die Geschehnisse der Erzählung zu verdauen: Dem Helden widerfährt ein tragisches Schicksal, meist plötzlich und unerwartet. Ohne jeden Zweifel sind die Ereignisse oft schrecklich und erschütternd. Aber es gibt immer einen Grund für alles, was passiert: sei es eine alte Prophezeiung, eine zu begleichende Schuld oder ein uralter Fluch. Der Held bekommt eine Chance, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, handelt tapfer, löst das Problem und wird belohnt für Mut und Ausdauer. Das macht die Geschichte SINNvoll, verstehbar und bewältigbar.

So wie im Märchen geht es uns auch im Leben. Unser Gehirn liebt Sinn. Das Gefühl von Kohärenz reduziert jeden Stress und beschleunigt die Erholung von Schicksalsschlägen. Diese Bewertung, mit der selbst schreckliche Dinge ihre Begründung und Bedeutung bekommen, wird auch zu einem bestimmten Zeitpunkt während einer persönlichen Krise irgendwann unverzichtbar. Menschen suchen nach sogenannten „narrativen Identitäten“. Das klingt etwas sperrig, aber umschreibt im Grunde genommen den einfachen Tatbestand, dass wir für alles im Leben einen Platz, einen Grund und eine Bedeutung in der eigenen Geschichte suchen. Dadurch entsteht Ordnung im Chaos unserer Gedanken und Gefühle.

Ähnliches gilt für eine junge Mutter, die sich von ihrem gewalttätigen Ehemann trennt oder ein Selbständiger, der Konkurs anmeldet und neu beginnt. Sie alle verkraften ihr Schicksal leichter, wenn sie das Geschehene begründen können und die mögliche Bedeutung dieser Ereignisse in das eigene Leben integrieren können. Begründungen für unabwendbares Schicksal schützen unsere Identität. Entscheidend ist nicht, ob die Erklärungen objektiv alle stimmen, sondern ob sie helfen, Wunden zu heilen.

Mein Wunsch für Sie

Machen Sie sich also keinen Kopf wegen einer Krise, so schwer die Kollision für Sie persönlich auch ist. Wie wir gesehen haben, können sich Menschen von fast allem, auch schweren Schicksalsschlägen erholen. Oft sogar schneller und besser als geglaubt. Und ohne Medikamente. Wenn ich das sage, will das schon was heißen.

Aber hüten Sie sich vor medialen Wachstumspredigern. Krisen können langwierige Prozesse sein, die viele Tränen kosten und die genau das auch wert sind. Machen wir uns klar, dass da draußen viele Menschen sind, die es ohne unsere Hilfe und Unterstützung nicht schaffen. Stehen wir ihnen bei, so gut wir können.
Nehmen Sie sich daher Zeit für alles: für Ihre Traurigkeit, für den Abschied, und die anschließende Planung des Neubeginns. Krisenbewältigung ist keine Hauruck-Aktion, sondern ein Entwicklungsprozess, der Zeit braucht.

Viele Krisen bergen dann aber tatsächlich Lern- und Entwicklungspotential. Überlegen Sie, welche Bedeutung die Krise für Sie haben könnte und handeln Sie auch danach. Dann haben Sie bereits eine Menge Material für ein spannendes Märchen, das Ihr Leben schreibt.
Die eigene Geschichte muss dabei nicht unbedingt immer ein Gedicht sein, aber Sie sollten sich auf die meisten Dinge im Leben einen „Reim“ machen können.
Ich wünsche Ihnen ein gutes Gelingen dabei. Oder mit anderen Worten: Kommen Sie gut hindurch…

Die Krise und wir – Volker Busch

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