Selbstüberschätzung im Leadership: Die zwei Seiten des Narzissmus

Selbstüberschätzung im Leadership: Die zwei Seiten des Narzissmus

Unter der „dunklen Triade“ der Persönlichkeitsforschung versteht man Narzissmus, Marchiavellismus und Psychopathie. Präsidenten und hochrangige Manager von Unternehmen zeigen diesbezüglich signifikant höhere Ausprägungen als die Normalbevölkerung.

Eine neue Studie und sorgfältige Analyse der Lebensleistung solcher Menschen zeigt, daß das Persönlichkeitsmerkmal kurzfristig von Vorteil sein kann. So wirkt die bewundernde Selbsteinschätzung zunächst (selbst-)motivierend, das Erscheinungsbild auf andere zudem ungemein attraktiv. Narzissmus kann Energien freisetzen, die man braucht um Verhandlungen zu führen oder um Machtkämpfe zu bestreiten. Die kurze Phase des Erfolgs zu Beginn nennt man auch „narcistic honeymoon period“.

Eine aktuelle Studie zeigt jetzt jedoch, daß die Eigenschaften in aller Regel nicht lange tragen. Denn erfolgreiche und nachhaltige Politik ist immer auf Diplomatie, Empathie und Besonnenheit und persönliche Zurückhaltung angewiesen. Narzissmus ist langfristig keine gute Führungseigenschaft, ob in der Politik oder in der Wirtschaft. Betroffenen fehlt der Biss sich für anstrengende Ziele zu engagieren, bei welchen sie nicht unmittelbar persönlichen Ruhm und Selbstbestätigung ernten. Der Gipfel des Erfolgs ist meist der gewonnene Wahlkampf oder die Amtsernennung, jedoch nicht der eigentliche Job, in welchem man anschließend Dinge gestalten muss. Ist der Marchiavellist noch von einem Ziel getrieben, was er rücksichtlos versucht durchzusetzen, braucht der Narzisst mehr als alle anderen die ständige Bewunderung und Bestätigung seiner Person. Darin liegt die eigentliche Gefahr des Narzissmus. Wird die sonnige Strahlkraft durch Wolken eines nüchternen Alltags verdeckt, droht das Selbstbild zu zerbrechen. Die Folge sind impulsive und unüberlegte, ggf. sogar kriminelle Handlungen, die der eigenen Krisenbewältigung dienen sollen. Die Studie zeigt, daß narzisstische Personen in Führungsverantwortung daher im Verlauf Ihres „Leaderships“ zunehmend soziale/zwischenmenschliche Probleme sowie eher unfreiwilligen Kontakt mit Ethikkommissionen bekamen.

Nachdenklich stimmt, daß Narzissmus in unserer Gesellschaft ganz generell zunimmt. Im longitudinalen Vergleich tausender Studenten über drei Jahrzehnte zeigen aktuelle Studien ein höheres Maß an Selbstüberschätzung. Attraktive schön neue Welt…

 

Wissenschaftliche Studien // Artikel // Quellenangaben:

Twenge, J. M., Carter, N. T., & Campbell, W. K. Age, Time Period, and Birth Cohort Differences in Self-Esteem: Reexamining a Cohort-Sequential Longitudinal Study. Journal of Personality and Social Psychology, 2016

Grijalva, E; Harms, PD, Newman, DA, Gaddis, BH; Fralex, RC. Narcissism and leadership: a meta-analytic review of linear an nonlinear relationships. Personnel Pychology 68 (1), p.1-47, 2015