Mensch und Seescheide – Bewegungslosigkeit kostet Gehirn

Die Seescheide, ein Manteltier aus der Tiefsee, lebt sehr bewegt. Zumindest als Larve. So schwimmt sie kurz nach ihrer Geburt rekordverdächtig viel. Aber schon nach wenigen Stunden saugt sie sich an irgendeinem Stein fest und wird sessil. Ihr Gehirn braucht sie ab diesem Zeitpunkt nicht mehr und verdaut es einfach. Eine hohe Investition für den Genuss von ein bisschen Kollagen, wie mir scheint. Aber da ihr Gehirn tatsächlich nahezu ausschließlich mit der motorischen Steuerung beschäftigt ist, ist das bei einem fortan so passiven Lebensstil vielleicht ein ökonomisch plausibles Sparprinzip. Und wer nur noch dumm herumsitzt, muss schließlich auch nicht mehr viel denken. Ich kann mich einfach nicht dagegen wehren, aber mir drängen sich Parallelen zu unserer Spezies auf. Geht es Ihnen auch so?

Kinder bewegen sich immer weniger

In “Lancet Child & Adolescent Health” erschien vor wenigen Wochen eine Studie, die die das Ausmaß täglicher Bewegung unter 1.6 Millionen Kindern beider Geschlechter zwischen 11-17 Jahren quantifizierte. Hiernach bewegen sich nicht mal 20% der untersuchten Kinder mindestens eine Stunde pro Tag. Das wären aus sportmedizinischer Sicht die Mindestanforderungen an tägliche Bewegung in diesem Alter. Die Zahlen lagen für die knapp 150 untersuchten Ländern relativ ähnlich. Bei Mädchen waren sie sogar noch etwas schlechter als bei den gleichaltrigen Jungs. Ein erschreckendes und aufrüttelndes Ergebnis, nimmt es doch seit Jahren kontinuierlich ab.

Zwar wurden in der aktuellen Arbeit die bewegungsmuffeligen Gründe nicht erfasst, aber man darf vermuten, daß der hohe digitale Medienkonsum in diesem Alter zumindest eine nicht unbedeutende Rolle spielt. Körperliche Bewegung hat heute nämlich viel digitale Konkurrenz. Eine bewegte Straßenkindheit beobachte ich zumindest nicht mehr, wenn ich in Regensburg spazieren gehe. Straße und Kindheit wären ausreichend vorhanden, aber eben auch Fortnite. Ein herkömmlicher Bolzplatz hat es da echt schwer.

Warum es unser Gehirn bewegt mag

Man könnte ketzerisch anmerken, wozu der moderne digitale Mensch denn noch Bewegung braucht. Vielleicht ist Motorik eine verzichtbar gewordene Komponente in einer postindustriellen Gesellschaft. Brauchen wir dann überhaupt noch 80 Mrd. Nervenzellen? Oder können wir ein paar davon verdauen, so wie die Seescheide? Zumindest können wir heute schon äußerst sesshaft unseren Feierabend vor dem TV verbringen und stundenlang RTL2 konsumieren. Das klappt völlig ohne Gehirn.

Tatsächlich geht es aber viel tiefer. Denn der Einfluss regelmäßiger körperlicher Bewegung auf das Hirnwachstum ist äußerst vielfältig. Diese Zusammenhänge sind mehr als gut erforscht. Ich darf regelmäßig hierüber referieren und auf Sportkongressen, in Schulen oder Ministerien Workshops und Seminare zu diesem Thema geben. Zusammengefasst fördert viel Bewegung gerade in frühen Jugendjahren das neuronale Wachstum in einem so starken Maß, wie es kaum eine kognitive Förderung vermag. Motorische Lernleistungen fördern die synaptische Plastizität, und damit Leistungen des Gedächtnisses, der Willenskraft und der Impulskontrolle. Neue Arbeiten belegen sogar, daß auch das kreative Denken durch Bewegung gefördert wird. Zudem kann Sport in der Gruppe auch soziale Fertigkeiten trainieren. Alle Effekte zusammen gleichen schlussendlich psychisch aus und stabilisieren die Stimmung. Umgekehrt weiß man heute dagegen, daß ein Mangel an Bewegung Hirnatrophie begünstigt. Wer sich wenig bewegt im Leben, hat – statistisch bereinigt um andere Risikofaktoren – ein höheres Demenzrisiko.

Zur Ehrenrettung der Computerspiele: Auch sie können eine Reihe Fähigkeiten und Fertigkeiten trainieren. Ich war nie Gegner von Spielkonsolen. Sie sind nicht so schlecht wie ihr Ruf. Aber eine globale Entwicklungs- und Wachstumsförderung des Gehirns darf man von ihnen nicht erwarten. Das kann Bewegung besser. Eine skandinavische Arbeitsgruppe zeigte vor wenigen Jahren in einer aufsehenerregenden Arbeit, daß Laufbandtraining ca. 500 Wachstumsgene im Gehirn anstieß. Drei Stunden nach der körperlichen Anstrengung waren davon immer noch 120 aktiv.

Mehr statt weniger Straßenkindheit

Sind wir uns dessen ausreichend bewusst? Ein Teilnehmer einer meiner Seminare berichtet mir jüngst von einer baden-württembergischen Mittelschule, in der ein Teil des Schulhofs (und zwar derjenige Teil mit den Klettergerüsten) in einen Parkplatz umfunktioniert worden sei, weil die Eltern sich bei der Schule beschwert hatten ihre Kinder nicht mit dem Auto bis unmittelbar vor die Schultüre fahren zu können. Das hat gleich zweierlei Auswirkungen: Einerseits kommt es zu einem Verlust an motorischer Betätigung in den Pausen. Denn wo Klettergerüste fehlen, füllt ein Smartphone das Bewegungsvakuum rasch aus. Andererseits wird den Kindern auf diese Weise ganz subliminal ein passives Verhalten konditioniert. Mein tätlicher Schulweg ist körperlos und unmotorisch erreichbar. Alles ganz sessil. Ob mit Diesel oder elektrifiziert spielt hier mal ausnahmsweise keine Rolle.

Die Schüler sind nicht schuld an dieser Entwicklung. Sie leben in der Welt, die wir für sie schaffen. Und digitaler Konsum ist eben verlockend. Ich fände als Kind TikTok vermutlich auch spannender als Klettern. Zumindest wenn in mir niemand die Begeisterung hierfür wecken würde. Dabei haben Kinder offenkundig ein starkes inneres Bedürfnis sich zu bewegen. Viele würden viel mehr rennen, laufen oder klettern, wenn Angebot vorhanden wäre, Erlaubnis bestünde oder Förderung geleistet würde.

Es mangelt heute an konzertierten Aktionen aus Schulpolitik, Pädagogik und letztlich auch der Mithilfe durch die Eltern, um die Erkenntnisse aus der Forschung in den Alltag zu transferieren. Nur wenn Schulunterreicht den Wert von Sport in einer passiver werden Gesellschaft wiederentdeckt und fördert, wenn Städteplanung im heutigen Immobilienwahnsinn ausreichend Plätze für Bewegung, Toben und motorisches Spielen bewahrt, und wenn Eltern ihre Kinder (auch bei Regen) in den entlegenen Wald zum Spielen schicken ohne Panik zu haben, daß sie sich schmutzig machen könnten oder eine Erkältung bekommen, wird Bewegung wieder zu dem was es mal war: ein Grundprinzip des Menschen, der für Bewegung gemacht ist und aus dem sich gesundes Denken entwickelt.

Fazit für Ihr Gehirn und Sie

Nach 12 Jahren in der Forschung bin ich zu dem vorläufigen Schluss gekommen: Der Mensch ist keine Seescheide. Verdauen wir also nicht unser Gehirn. Wer Hunger hat, findet Alternativen im Kühlschrank. Bewegen wir uns stattdessen wieder mehr. Youtube hat leider kein Interesse an der Bewegung unserer Kinder. Das müssen wir schon selbst gestalten. Zeigen wir unseren Kindern, wie schön körperliche Erschöpfung sein kann und wie es sich anfühlt gemeinsam mit einer Mannschaft zu siegen (oder auch mal zu verlieren). Bei Sport und Spiel entwickeln sich Menschen psychosozial am besten.

Das menschliche Gehirn mag es eben „bewegt“…

 

Quellen:

Guthold, A et al. Global trends in insufficient physical activity among adolescents: a pooled analysis of 298 population-based surveys with 1·6 million participants. Lancet Child & Adolescent Health . Doi.org/10.1016/S2352-4642(19)30323-2.

Timmons, JA, etc al. Modulation of extracellular matrix genes reflects the magnitude of physiological adaptation toaerobic exercise training in humans. BMC Biol. 2005 Sep 2;3:19.

 

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